Ein Reh

vor gut zwei Jahren wurde keine zweihundert Meter von meinem Haus entfernt eine Rehkuh geschossen. Ich fragte den Jäger, was er mit dem Fell vorhabe. Wegwerfen war die Antwort. So wurde ich innert kurzer Zeit Besitzerin eines Felles – was nun? Ich liess sie gerben, dabei ging sie in der grossen Tonne „verloren“ und tauchte gut 1 1/2 Jahre später wieder auf. Nun wurde diese Haut von Sabina Fischer von Hand zu einer kleinen Tasche genäht, welche mich nun durch meinen Alltag begleitet. Bis auf wenige Quadratzentimeter wurde alles verarbeitet – welch eine wunderschöne Arbeit – vielen Dank Sabina – ich freue mich jeden Tag über dein edles Stück! Ein Stück Natur so lokal wie nur möglich mit viel Liebe zum Detail geformt und genäht. Dieses Projekt zeigt mir wieder mal auf, wie bereichernd es ist auf sieben Umwegen zu jemandem zu finden welcher ein Handwerk pflegt und ausübt.

Sie selber hat eine Kurzgeschichte zu unserem Zusammenfinden geschrieben. Mit ihrer Erlaubnis darf ich sie hier publizieren – Geschichten ernähen von Sabina Fischer.

Heute habe ich es eilig nach Hause zu kommen weil ich weiss, dass dort etwas Besonderes auf mich wartet. Im Briefkasten. «Es bedeutet ihr sehr viel», hatte meine Freundin am Telefon zu mir gesagt und das gemeint, was sie mir hinterlegt hat. Ich beschleunige meine Schritte und versuche das Kopfkino zu zügeln, das in eine düstere Richtung galoppiert und den Schatz im Briefkasten auf bemerkenswert vielfältige Art und Weise abhanden kommen lässt.

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Aufatmen. Im Briefkasten liegt eine Tasche und in ihm verpackt ein kleines Stück Leder von einem Reh. Es gehört Nadine. Sie hat es gerben lassen vor einiger Zeit und vertraut es mir an, um daraus etwas zu nähen. Eine Ehre. Eine Freude. Das kleine Stück Leder berührt mich sofort, noch bevor ich es auspacke. Es ist weich und leicht und zeigt deutlich die Spuren des Lebens, lässt erahnen, wie rau der Alltag dieser Tiere ist: Kratzer, Insektenstiche, Narben. Die Haut eines Rehs erzählt eine ganz andere Geschichte als die Haut einer Ziege, die ihr Leben lang auf einer Alpwiese frische Bergkräuter gefressen und den Winter im geschützten Stall verbracht hat.

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Später, als ich Nadine bei einer Tasse Tee kennenlerne, erzählt sie mir, wie sie zu diesem Leder gekommen ist: In der Nähe ihres Hauses begegnete sie auf einem Spaziergang einem Jäger mit dem frisch erlegten Reh. Als sie miteinander ins Gespräch kamen, erfuhr sie, dass die Haut dieses Tieres ihre Bestimmung als Hundefutter haben sollte. Nadine bat um die Haut und der Jäger schenkte sie ihr. Eine Gerberei nahm den Auftrag an, die Rehhaut für sie aufzubereiten und so schickte sie ein Päckchen mit dem Fell auf die Reise.

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Nadine hat viele Berufe, Werk- und Wirkstätten. Unter anderem ist sie Designerin und Imkerin. In ihrer aktuellen Stoffkollektion spielt sie mit den Formen der Bienenwabe.* Ich bin begeistert von den Geschichten, die sie mir an diesem Nachmittag erzählt. Begeistert von Nadines Leidenschaft für altes Handwerk und ihrem forschenden Zugang zu den Traditionen des Webens, Töpferns, Drechslerns. Sie erzählt von ihrer Faszination für geflochtene Handbesen, für gedrechslerte Gefässe aus alten Bäumen, für die Zentriertheit, die sie erlebt beim Drehen von Ton, der Schönheit, die sie in Formen, Farben und ihren unzähligen Kombinationen findet, dem Zauber des Moments, in dem sie einem besonderen Werkstück begegnet oder es sich ihr selbst bei der Arbeit mit den unterschiedlichsten Materialien erschliesst.

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Ein paar Wochen später hat sich das Rehleder zwischen meinen Händen in ein kleines Täschchen verwandelt. Beim Nähen sind der Wald, das Reh, der Jäger, Nadine immer wieder in meinen Gedanken aufgetaucht und haben sich in Bildern und Fragmenten von Geschichten eingemischt. Wo kommen diese Gedanken und Bilder her, habe ich mich gefragt. Es fühlte sich irgendwie so an, als würde mir das Leder, diese Haut beim Nähen davon erzählen, so dass ich hineingezogen wurde, Teil von etwas und etwas Teil von mir. Ein unglaublicher Gedanke und ein Wagnis, ihn in Worte zu fassen.

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Für mich ist klar, dass ich Nadine das fertig genähte Ledertäschchen vorbeibringe. Ich möchte die Landschaft besuchen, in der das Reh gelebt hat, in der es erlegt wurde, in der Nadine dem Jäger begegnet ist. Und so fahre ich hin und begegne einem Haus am Waldrand, einer Weitsicht, die das Auge einlädt zwischen Bergen und Seen zu schweifen, einem wilden Garten, der noch im Winterschlaf liegt, den Bienen, die an diesem sonnigen Frühlingstag benommen um das Haus summen, Nadines Sammlung von schönen Sachen aus aller Welt, einem süssen, selbst gebackenen Apfelkuchen. Ich fühle mich reich beschenkt in diesem Moment und staune über die Episode dieser Geschichte, in die ich auf wundersame Weise hineingeraten bin. Und plötzlich, als ich mit Nadine auf der sonnigen Terasse sitze und hinüber zum Wald blicke, der hinter dem Haus liegt, wird mir bewusst, wie mannigfaltig das Netz von Verbindungen ist, in das ich eingewoben bin. Dieser Ort, der Wald, das Reh, der Jäger, Nadine, sie haben nun mit mir zu tun. Und ich mit ihnen.

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