Cecilia – nach Anna und Berta das dritte Küchentuch

…was so eigentlich nicht ganz stimmt. Vielmehr ist es eine Dreiecksbeziehung – Der Webstuhl, Regula Messerli und ich. Denn ohne Regula Messerli von der Textilmanufaktur Messerli Matte würde dieser Webstuhl noch immer in seinen Einzelteilen auf meinem Estrich sein Dasein fristen. In stundenlanger Arbeit haben wir gemeinsam einen Zettel gefertigt, die vielen Fäden durch die Litzen sowie den uralten Holzkamm gezogen, alles gut gespannt, die ausgetretenen Holzpedale justiert und erste Webversuche unternommen. Das Feintuning, sowie das Beheben der letzten Fehler hat nochmals genau so viel Zeit in Anspruch genommen. Doch nun ist es geschafft – das erste  Küchentuch ist fertig. Mit unregelmässigem Rand und vielen Fehlern….aber in meinen Augen wunderschön! Ich geniesse das Arbeiten an diesem Webstuhl in vollen Zügen. Auch wenn immer mal was klemmt, Fäden manchmal nicht so wollen wie sie sollten…doch nur schon das Berühren und Ziehen des Balkens – welcher von den vielen Händen  über zwei Jahrhunderte  fein geschliffen ist – ist ein Genuss. Ich lerne die Langsamkeit zu schätzen und geniesse die Achtsamkeit mit welcher ich arbeiten muss, damit möglichst wenige Fehler entstehen. Während der Stunden, welche ich für ein einzelnes Küchentuch brauche entstehen Geschichten in meinem Kopf. Diese halte ich nun fest. Jedes Tuch erhält einen Namen sowie die zur Person passenden Rezepte.  Jedes Küchentuch ist ein Original und wird ein anderes Muster aufweisen, und kann natürlich von dir erworben werden. Der Anfang macht das Küchentuch Anna.

Anna:

Anna ist Mitte dreissig, ausgeglichen, tierliebend, ein wenig verspielt und mag Sukkulenten. Sie trägt hauptsächlich Wickelkleider und bevorzugt Schuhe im sechziger Jahre Look. Sie liebt es in ihren vielen Kochbüchern zu blättern, neue Rezepte auszuprobieren und mit exotischen Gewürzen zu experimentieren. Beim Arbeiten als freiberufliche Graphikerin kann sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen….

Annas Rezepte:

Karottensuppe mit Kräuterpesto und Kabeljaustücken, Linsencurry auf gebratenem Kürbis und als Dessert Zitronenschnitten mit Fleur de sel.

Berta:

Berta 73 jährig, silbriges kurzes Dauergewelltes Haar, löst täglich Kreuzworträtsel, mag deftiges Essen sowie ihre pinken Finken. Wenn sie nicht gerade Kreuzworträtsel löst, schaut sie gerne dem Treiben vor ihrem Fenster zu, trinkt gerne Früchtetee, wischt Staub, oder strickt Socken für ihre Grosskinder. Berta ist geradlinig und etwas konservativ, hat aber ein grosses Herz für Kinder und Tiere.

Bertas Rezepte:

Flädlisuppe, Rindschmorbraten mit Kartoffelstock und als Dessert einen Schokoladen-Whyskikuchen.

 

Cecilia:

Cecilia ist Mitte vierzig, extrem schlank, hypernervös und sehr schreckhaft. Sie spielt die erste Geige in einem grossen Orchester. Musik ist ihre Welt, da blüht sie auf, kann darin versinken, sich treiben lassen… den Alltag mag sie nicht besonders. Essen muss schnell gehen, wenn möglich gesund und bunt. Oft kauft sie sich nach den Proben irgendwo einen Salat oder ein Sandwich für den Nachhauseweg.

Cecilias Rezepte:

Fenchelsalat mit Avocado, Birnen und Rauchmandeln, Gemüsetart mit Ricotta und als Dessert eine Blätterteig-Mandel-Schnitte.

 

Befestigen der Fäden und vieles mehr…

Top motiviert starteten Regula und ich gestern Abend zu einem weiteren Webstuhl – in Betriebnahme – versuch.  Zuerst mussten die 700 Fäden durch den Holzkamm gezogen werden. Dies geschieht mittels einem kleinen Häkchen, auf welches man immer zwei Fäden legt und durch den Holzfächer nach vorne an den Anschlagbaum zieht. Danach werden die Fäden gespannt und an einem Holz fixiert, welcher wiederum mit der vorderen „Welle“ verbunden ist. Genauso kompliziert wie es sich anhört ist es auch. Viele kleine Schritte müssen gemacht werden, bis die Kette bereit zum weben ist. Doch einer der schwierigsten Schritte kommt erst noch – das Einstellen der Pedalen und Justieren der vier Fächer. Nach zwei schweisstreibenden Stunden, welche wir mehr unter dem Webstuhl als vor ihm verbracht haben, wollten wir eigentlich schon müde aufgeben. Es wollte einfach nicht klappen. Doch Regula mit ihrem grossen Fachwissen lies nicht locker – ein letztes Aufbäumen und sie da – kurz vor elf Uhr nachts wickelten wir Leinengarn auf die Rolle um mit dem Schiffchen erste Webversuche zu machen. Und es klappte! Das Geräusch des Webstuhles in Betrieb ist wunderschön, der Anschlag liegt wie ein Handschmeichler in der Hand und es war und ist berauschend an so einem alten Stück zu sitzen und zu weben. Ohne Regula wäre dies nie möglich gewesen – hier schon mal ein erstes riesiges Dankeschön!
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Das Einziehen der 700 Fäden in die Litzen

Regula zeigte mir das Anbringen der Litzen auf den vier Holzschienen wie auch das Einfädeln des Baumwollgarns in diese Metallösen. Es muss genau darauf geachtet werden, dass man die Reihenfolge der vier unterschiedlichen Stäbe einhält. Ein Fehler würde sich nachher durch das ganze Webgut ziehen. Also machte ich mich zuerst unter Anleitung, danach alleine an die Arbeit. Eine schöne, aber auch sehr zeitaufwändige Angelegenheit. Erst jetzt nachdem ich den sehr grossen Zeitaufwand sehe bis ein Webstuhl eingerichtet ist, werde ich mir dem Wert von handgewobenen Stoffe bewusst. Ein riesiges Kompliment an alle Handweberinnen welche sich dieser Tätigkeit noch heute annehmen. Nun müssen die Fäden nur noch durch den Kamm gezogen und eingespannt werden, und dann kann das Weben los gehen!

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Der Zettel

Heute war es endlich soweit – bestückt mit den Baumwollgarnen machte ich mich auf ins Atelier von Regula Messerli (textilmanufaktur.matte) im Mattenquartier in Bern. Nach genauem Rechnen von Regula konnte es los gehen. Wer meint man könne einfach ein wenig Garn ab und wieder aufwickeln hat sich getäuscht. Viele kleine Arbeitsschritte sind nötig, bis der sogenannte Zettel – also die Längsfäden – bereit zum Einspannen sind. Angefangen vom Abwickeln des Garns auf vier Spulen, dem gekonnten Drehen des Garns beim Fadenkreuz bis zum „Flechten“ der fertigen Fäden. Regula musste mir mehr als einmal beim Drehen des Garnes für das Fadenkreuz assistieren und mir die Fingertechnik erneut zeigen. Doch irgendwann lief es fast wie von selbst. Und nach etwas weniger als drei Stunden lag ein wunderschöner „Zettelzopf“ vor mir.

Da ich gerne Abtrocktüchlein  mit einer Breite von 50 cm  weben möchte,  habe ich 172 Päckli à vier Fäden gemacht. Das heisst, ich werde nächste Woche gut sechshundert Fäden einziehen – zum Glück unter der tollen und geduldigen Anleitung von Regula.
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Mein Webstuhl

Seit über drei Jahren liegt zwischen Weihnachtskugeln und Verpackungen ein sehr alter, in Einzelteile zerlegter Webstuhl in meinem Estrich. Wie es der Zufall manchmal will, lernte ich über sieben Ecken eine Weberin kennen, als ich mich die letzten Wochen mit einem Webprojekt auseinander setzte. Nach einem ersten Telefongespräch, lernten wir uns vor zwei Wochen persönlich kennen. Eigentlich war geplant, ein Produkt auf einem ihrer Webstühle zu realisieren. Im laufe des Gespräches erzählte ich ihr von meinem alten Webstuhl im Estrich. Sie bestärkte mich darin, den Versuch eines Zusammenbaus zu unternehmen. Was sich so einfach anhörte, erwies sich als kompliziertes Unterfangen. Einerseits weil keine Gebrauchsanleitung für den Zusammenbau vorhanden ist, andererseits wegen den fehlenden Kenntnissen bezüglich Webstühlen. Aber wie so oft wenn eine komplizierte Aufgabe zu meistern ist, half mir mein Vater. Die einzelnen Holzteile weisen Kerbungen von I bis V auf und so liess sich das gute Stück ohne eine einzige Schraube nur mittels Holzverbindungen zusammen bauen – einfach genial! Das grobe Gerüst steht nun. Ob er auch voll funktionstüchtig ausgerüstet werden kann wird sich nächsten Samstag zeigen. Dann kommt die Berufsweberin auf einen Augenschein vorbei. An Ideen und Projekten würde es mir im Moment nicht mangeln. In einer Woche weiss ich mehr.

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